Giftköder: Was ist wirklich los in Wilhelmshaven?

Abgelegt von Sascha Schoppengerd am 09.10.2012 um 10:25 Uhr, 3 Kommentare

In Wilhelmshaven ist derzeit scheinbar die Hölle los, denn in vielen Bereichen werden schon seit Tagen und Wochen neue Giftköder-Fundorte gemeldet. Doch was ist dran an den Meldungen? Treibt hier wirklich ein unbekannter Hundehasser sein Unwesen oder werden hier nur gezielt Gerüchte gestreut?

Bevor wir uns aber näher mit den Fakten in diesem Fall beschäftigen, möchte ich euch wirklich bitten, dieses Thema einmal ohne Emotionen anzugehen, denn auch wenn Tierschutz immer ein thematisch „heißes Pflaster“ ist, sollten wir in uns selbst zumindest die notwendige Ruhe und Stärke besitzen um auch andere Meinungen akzeptieren bzw. respektieren zu können. Der Fall Wilhelmshaven ist in unseren Augen nämlich bei weitem nicht so klar, wie es viele Hundehalter gern sehen würden und daher haben wir uns mal die Mühe gemacht, einige wichtige Punkte zu diesen Funden für euch zusammenzutragen.

Was ist passiert?

Auf Flugblättern warnen Mitglieder der Facebookgruppe Giftköder-Wilhelmshaven seit einiger Zeit im gesamten Stadtgebiet vor einer vermeintlichen Gefahr durch Giftköder. Viele Hundebesitzer in WHV haben aus purer Angst ihrem Liebling bereits einen Maulkorb verpasst und gehen nur noch mit großer Vorsicht auf ihre tägliche Gassi-Runde. Innerhalb weniger Tage erreichten auch uns derart viele Meldungen aus der gesamten Umgebung von Wilhelmshaven das man hier schon fast von einer Massenhysterie unter den Hundehaltern sprechen konnte. Es wurde uns einfach alles gemeldet: Von der unachtsam weggeworfenen Wurst eines Schülers bis hin zum Nagel auf dem Geh- oder Radweg wurden teilweise wirklich abstruse Meldungen eingereicht.

Scheinbar wurde in jedem Gegenstand auf dem Boden fortan eine potenzielle Gefahr vermutet. Auch die Anzahl der vermeintlich gestorbenen Hunde tendierte von Meldung zu Meldung immer mehr nach oben. War es in den ersten Tagen noch 1 Opfer, wurde nach gut einer Woche bereits von mehr als 8 toten Hunden gesprochen.

Aufgrund der massiven Konzentration der Meldungen aus unterschiedlichen Quellen, haben wir zunächst auch einzelne Fundorte in den GiftköderRadar aufgenommen. Aber es ist auch unsere Aufgabe solche Vorfälle auf deren Wahrheitsgehalt zu prüfen und daher haben wir uns natürlich gleich ans Telefon gesetzt um der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Ich kann euch sagen, wir haben viel telefoniert! Sehr viel! Mit unterschiedlichen Behörden, Zeitungen, Tierärzten und Veterinären.

Unter dem Strich bleiben uns folgende Erkenntnis aus den Telefonaten:

  • Die ursprüngliche Quelle der Meldung ist ein gewisser Manuel Schulte aus Wilhelmshaven, der während seines Spaziergangs ein vermeintlich mit Rattengift gefülltes Hackbällchen gefunden hat. Leider wurde dieser Fund von Manuel nicht zur Polizei gebracht, sondern er wurde von ihm selbst entsorgt.
  • Auch bei uns hatte sich Manuel Schulte zwischenzeitlich gemeldet und hatte angeboten uns ein Foto von dem Fundstück zu übersenden. Leider hat er uns dieses Foto trotz nochmaliger Nachfrage von unserer Seite bis heute nicht überreicht.
  • Auf unsere Nachfrage hin konnten weder die Polizei, noch die Tierärzte in Wilhelmshaven oder das zuständige Veterinär- bzw. Ordnungsamt einen toten Hund durch vorsätzliche Vergiftung bestätigen.

Bei der ganzen Geschichte bleiben also unter dem Strich viele Fragen unbeantwortet. Warum hat Manuel den ersten Giftköder nicht direkt zur Polizei gebracht? Warum können weder die Tierärzte in Wilhelmshaven noch das Ordnungsamt die vermeintlichen 8 toten Hunde bestätigen? Es ist nun einmal Fakt, dass in Deutschland kein Hund ohne Bürokratie stirbt! Wenn es einen toten Hund gibt, dann gibt es auch irgendwo einen schriftlich dokumentierten Nachweis darüber und wenn es die Hundersteuer-Abmeldung ist.

Für uns steht jedenfalls fest, dass unter Berücksichtigung der Fakten mit Sicherheit keine 8 Hunde oder mehr in den letzten Wochen in WHV durch einen vorsätzlich ausgelegten Giftköder getötet wurden. Es mag gut möglich sein, dass Manuel Schulze tatsächlich einen verdächtigen Fund gemacht hat, doch da auch dieser vermeintliche Giftköder wie bereits erwähnt nicht zur Analyse zur Polizei gebracht wurde fehlt auch hier der endgültige Beweis, dass es sich tatsächlich um Gift gehandelt hat.

Auch viele auf den ersten Blick offensichtliche Fotobeweise lassen sich bei näherer Betrachtung relativ einfach entkräften. Nehmen wir als Beispiel einmal das aus doch sehr einprägsame Bild aus der Presse, dass die vermeintlich mit „Knochenmark-Bällchen mit Gift gefüllt“ zeigt. Mal ganz abgesehen davon, dass auch auch hier bisher keinen Beweis für das angebliche Gift gibt, dürfte es sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bei den Fundstücken eher um harmlose gefüllte Topfenknödel von Bofrost handeln.

Diese gerade bei uns in Österreich sehr beliebte Süßspeise ist in der Regel mit leckerer Marmelade gefüllt und sieht den vermeintlichen Giftködern auf den Fotos doch überraschend ähnlich, oder?

Ich möchte euch mit diesem Vergleich eigentlich nur zeigen, dass nicht alles was irgendwie verdächtig aussieht auch gleich ein Giftköder ist. Ganz im Gegenteil! Für viele Meldungen, die wir Tag für Tag von euch bekommen gibt es am Ende sehr einfache Erklärungen und das sollten wir alle auch mehr im Hinterkopf behalten.

Es macht auch keinen Sinn jede Meldung auf Facebook einfach unreflektiert weiterzuverbreiten ohne sich zuvor selbst Gedanken zu den Fakten zu machen. Auch das beliebte Argument „Lieber einmal zuviel als wenig warnen“ ist in meinen Augen hier fehl am Platz, denn der Fall Wilhelmshaven zeigt uns allen sehr deutlich das so etwas am Ende bei einigen Hundehaltern auch schon fast zu einer Art Panik führen kann und genau das möchten wir doch alle vermeiden, oder?

Ein unkontrolliertes und unreflektiertes Teilen solcher Warnungen auf Facebook oder via. Flugblatt führt mit der Zeit dazu, dass viele unsichere Hundehalter derartige Meldungen in Zukunft schlichtweg ignorieren und dann an wirklichen Gefahrenstellen nicht mehr vorsichtig genug sind. Wir sorgen also mit unserem eigenen Verhalten momentan dafür, dass Hundehasser ihr Ziel schon durch das einfache streuen von Gerüchten erreichen und darüber sollte jeder einmal nachdenken!

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Über den Autor

Sascha Schoppengerd gehört zu den zwei Gründern von GiftköderRadar und er kümmert sich bei uns um das Marketing und die Weiterentwicklung der Apps. Bei Fragen erreicht Ihr Sascha auf Twitter, Facebook, Xing und Google+.

3 Reaktionen

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  • von sabine kroszinski
  • 09. Oktober, 2012

Ich möchte mich für diesen Artikel bedanken,denn ich bin selber Hundehalter und war auch geneigt jede Warnung zu verbreiten.
Deshalb finde ich diesen Artikel gut und wichtig um uns alle wieder zu sensibilisieren,
mehr zu hinterfragen,
und nochmal danke,dass Ihr Euch diese ganze Arbeit gemacht habt!
Leider hatten wir in Berlin eine ähnliche Situation am Schlachtensee, wo es angeblich 8-10 vergiftete Hunde gegeben haben soll und auf Nachfrage bei den dortigen Tierärzten,waren es 2 (was natürlich schon zuviel ist!).
Die Angst hält sich bis heute.
Damit haben die Hundehasser ihr Ziel erreicht,denn viele Hundefreunde überlegen es sich jetzt 2x ob sie dort spazieren gehen.

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  • von Jutta Scherkowsky
  • 19. Mai, 2013

Mein Standartsatz für solche Vorkommnisse:

„Menschen“, die Köder mit Gift oder Nägeln o. ä. gegen Tiere (hier: Hunde) auslegen, sollte man ihre eigenen Köder in deren Maul stopfen!

LG Jutta

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