Unzählige Giftköder-Meldungen in Potsdam: Alles doch nur Panikmache?

Abgelegt von Sascha Schoppengerd am 06.09.2013 um 09:20 Uhr, 1 Kommentar

Foto: Tierrettung Potsdam e.V.
Foto: Tierrettung Potsdam e.V.

Vor einigen Tagen habe ich bereits an dieser Stelle etwas zur aktuellen Giftköder-Welle in Potsdam und Umgebung geschrieben. Wie in meinem Artikel und auch auf unserer Facebook Seite lesen ist, war der Ausgangspunkt der Meldungen offensichtlich der Verein Tierrettung Potsdam e.V.

Ich persönlich hatte schon mehrmals dargelegt, dass mir sowohl die Anzahl (über 40 Meldungen) als auch der kurze Zeitraum der Meldungen verhältnismässig ungewöhnlich vorkommt und daher hatte ich auch mehrmals via. Facebook nach entsprechenden Belegen für die einzelnen Fälle bei der Tierrettung Potsdam angefragt.

Leider wurden meine Fragen diesbezüglich großteils ignoriert oder nur unzureichend beantwortet, denn laut einem Mitarbeiter der Tierrettung gibt es wohl Beweise, die hat man bisher jedoch nicht veröffentlicht!

Über diese Aussagen mag man nun denken was man will und mir persönlich liegt es auch fern, mich in diesem Fall gegen die Tierrettung Potsdam e.V. zu stellen, aber man sollte natürlich auch nicht gleich den Kopf ausschalten und alle vorliegenden Fakten unberücksichtigt lassen, denn viele der aktuellen Fälle in Potsdam sind in meinen Augen der „typischen Überreaktion“ einiger weniger Hundehalter geschuldet.

Die Karte verzeichnet aktuell mehr als 40 mutmaßlich ausgelegte Giftköder in und rund um Potsdam. Ein Mitarbeiter der Tierrettung spricht hingegen auf unserer Facebook Seite von 10 Fällen und wir selbst haben aktuell weniger als 5 Fälle in das System aufgenommen. Wie erklärt sich also diese große Diskrepanz zwischen den zahlreichen Meldungen und den tatsächlich nachweisbaren Fällen?

Dieser Frage geht derzeit auch die Polizei nach und daher haben die Beamten gestern die ersten Ergebnisse der Ermittlungen über die Internetwache Brandenburg veröffentlicht. Laut den dortigen Angaben sind bei der Polizei in der Nacht zu Mittwoch „lediglich drei Strafanzeigen“ wegen vermeintlich durch Giftköder getöteter Tiere eingegangen. Die Potsdamer Kriminalpolizei hat im weiteren Verlauf alle drei Fälle überprüft.

Nur in einem Fall (Zentrum-Ost) war tatsächlich ein Hund gestorben, dieser wurde nach Angaben der Besitzerin beim Gassigehen immer langsamer und fiel schließlich tot um. Die bisher durchgeführten Ermittlungen ergaben jedoch keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass dieser Hund an den Folgen eines Giftköders gestorben ist. Somit ist hier eine „natürliche“ Todesursache oder eine Krankheit in Betracht zu ziehen!

Die beiden anderen Fälle, die aus einem anderen Stadtteil (Klein Glienicke) gemeldet wurden, beinhalten lediglich vermeintlich getötete Tiere aus der Nachbarschaft vom Hörensagen was die Anzeigenerstatter dazu veranlasste, eine Strafanzeige zu stellen. Auch in diesem Fall ist jedoch kein Tier zu Tode gekommen.

Der Hund des dritten Halters hatte sich lediglich übergeben, was auch an zuvor wissentlich verabreichtem Futter gelegen haben könnte. Die Strafanzeige wurde hier sogar wieder zurückgezogen, weil sich der Verdacht, dass auch ein Nachbarhund durch Giftköder zu Tode gekommen sei, ebenfalls nicht bestätigt hatte.

Auch von umliegenden Tierkliniken oder Tierärzten liegen der Polizei bisher keine aktuellen Informationen oder Warnungen von durch Rattengift vergifteter Tieren vor. Da bisher keine weiteren Anzeigen gestellt wurden, bleibt das tatsächliche zu Tode kommen von Tieren durch Giftköder in der Stadt Potsdam weiterhin unbestätigt.

Die für die Gefahrenabwehr zuständige Behörde der Stadt Potsdam meldet ebenfalls keine konkreten Funde von Giftködern. Lediglich fünf Verdachtsfälle, bei denen die Melder in den Stadtteilen Waldstadt und Potsdam-West mögliche Köder gefunden haben wollen, gingen bei der Unteren Jagdbehörde ein. Ein Nachweis, dass es sich bei diesen Funden tatsächlich um vergiftete Köder handelt, war mangels gegenständlicher Sicherung bzw. Mangels Auffinden durch die eingesetzten Ordnungskräfte nicht möglich. Auch beim Veterinäramt wurde bis zum heutigen Tag kein Fall eines vergifteten Tieres bekannt.

Der „Fall Potsdam“ zeigt in meinen Augen wie wichtig es ist, dass jedes Gerücht zum Thema „Giftköder“ vor seiner Verbreitung ausführlich hinterfragt und geprüft wird. Die Verbreitung von ungeprüften Meldungen kann in Zeiten von Facebook, Smartphones und Co. schnell zu einer unvorhersehbaren Panikwelle führen, die einzig und allein den zahlreichen Hundehassern in die Hände spielt.

Hier kann mit Sicherheit auch nicht das oft „gebetsmühlenartig“ genutzte Argument „Lieber einmal zuviel als einmal zu wenig warnen“ als Rechtfertigung hergenommen werden, denn jeder der diese Meinung vertritt, sollte wirklich einmal in Ruhe nachdenken was er mit dieser Einstellung letztendlich anrichtet.

Jedes unnötig gestreute Gerücht sorgt dafür, dass Hundehalter irgendwann anfangen derartige Warnungen komplett zu ignorieren und genau darin liegt die eigentliche Gefahr. Ihr kennt das doch alle von euren eigenen Hunden, denn wenn die tausend mal am Tag das Wort „Nein“ hören, denn stellen die Fellnasen irgendwann auf „Durchzug“ und genau so verhält es sich mit der „Streuung“ von Gerüchten.

Wir sind selbst immer wieder überrascht mit welcher Aggressivität einige von euch reagieren, wenn wir mal eine Meldung nicht in das System aufnehmen weil die Angaben einfach fehlerhaft sind oder weil die Meldung an sich unplausibel ist. Persönliche Beleidigungen wie Ar***** und Pi**** sind da noch die harmlosen Ausnahmen!

Ein typischer Dialog sieht dann in etwa so aus:

Nutzer: Ich habe ein Stück Fleischwurst am Straßenrand gefunden! Es war in Alufolie gewickelt.

Wir: Haben Sie an den der Wurst etwas verdächtiges festgestellt oder gibt es sonst einen Grund warum Sie das melden?

Nutzer: Ja, die Wurst gehört dort nicht hin! Da liegst sonst nie eine Wurst!

Wir: Ist in der Nähe eine Schule? Könnte es sein, dass ein Kind dort einfach nur sein Pausenbrot weggeworfen hat?

Nutzer: Nein, das ist unmöglich! Nehmen Sie das jetzt auf oder wollen Sie nur dumme Fragen stellen?

Wir: Ist ein Hund zu Schaden gekommen? Was wurde mit der Wurst gemacht?

Nutzer: Nein, es ist nix passiert aber wie gesagt, die Wurst gehört da nicht hin!

Wir: Tut uns Leid, wir können diesen Fund so nicht aufnehmen, da sich keine hinreichenden Verdachtsmomente für einen Giftköder feststellen lassen.

Nutzer: Warum gibt diese Drecksseite dann überhaupt ihr Penner?

Das ist jetzt wie gesagt mal ein ganz typischer Dialog wie wir Ihn nicht selten 3 bis 5 mal pro Tag führen müssen und oftmals hat man das Gefühl, dass es einigen Hundehaltern offenbar vollkommen egal ist, was auf unserer Seite gemeldet wird – hauptsache es wird etwas gemeldet. Der Wahrheitsgehalt einer Meldung interessiert viele Hundehalter relativ wenig und das ist in meinen Augen wirklich mehr als nur erschreckend!

Einige Hundeschulen haben uns bereits von Kunden im Raum Berlin berichtet, die ihre Hunde nur noch in den eigenen Garten führen und das kann doch wirklich nicht unser aller Ziel sein, oder? Wir sehen es jedenfalls als unsere Pflicht an auch weiterhin jeden gemeldeten Vorgang zu hinterfragen und wenn nötig auch einzelne Meldungen wie z.B. „radioaktiv verstrahltes Hackfleisch“ direkt abzulehnen.

Für die nächsten 12 Monate planen wir zur Steigerung der Qualität sogar den gesamten Meldevorgang erheblich auszubauen. So werden wir in Zukunft mehr auf direkte Informationen der Tierärzte und Behörden zurückgreifen und somit den Anteil der durch die Nutzer generierten Meldungen nach und nach zurückfahren. Mit dieser Maßnahme stellen wir sicher, dass sich zukünftig nur reale Gefahren in der App befinden und darüber hinaus verhindern wir so auch, dass Hundehasser unser System zur gezielten Panikmache missbrauchen.

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Über den Autor

Sascha Schoppengerd gehört zu den zwei Gründern von GiftköderRadar und er kümmert sich bei uns um das Marketing und die Weiterentwicklung der Apps. Bei Fragen erreicht Ihr Sascha auf Twitter, Facebook, Xing und Google+.

1 Reaktion

Permalink
  • von Anja
  • 06. September, 2013

„Da liegt sonst nie eine Wurst!“ ist ja wohl die grandioseste Begründung für eine Giftködermeldung 😀 Ihr Armen…Hut ab, dass ihr euch soetwas täglich antut. Ich finde eure Seite und auch die App klasse! Zwar wird für meine PLZ nur sehr sehr selten etwas gemeldet (was mich natürlich freut) aber sicher ist sicher, denn wenn wirklich einmal irgendein Chaot meint er müsse Giftköder oder mit Nägeln, Rasierklingen etc. gespickte Köder verteilen, dann sollten die Hundebesitzer so früh wie möglich über diese potentielle Gefahr informiert werden.

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