Interview mit Nadine Leiendecker: Zuviel Zucker macht Hunde süchtig

Abgelegt von Sascha Schoppengerd am 05.08.2013 um 12:17 Uhr, 3 Kommentare

Tierheilpraxis Wuppertal

Wir merken fast täglich auf unserer Facebook Seite, dass Diskussionen rund um das Thema Ernährung durch Trockenfutter, Nassfutter oder B.A.R.F oftmals auch zahlreiche Missverständnisse ans Licht bringen und daher haben wir uns heute mal mit Tierheilpraktikerin Nadine Leiendecker ausführlich über die richtige Ernährung von Hunden und über den großen Einfluss der Tierfutterindustrie unterhalten.

Sascha S.: Hallo, Nadine! Ich möchte mich zunächst einmal für deine Bereitschaft zu diesem Interview bedanken, denn das Thema über das wir heute sprechen möchten kann man sicherlich als „heißes Eisen“ betrachten. Erzähle unseren Lesern doch einfach mal etwas über dich selbst. Wer bist du und was machst du?

Nadine L.: Hallo Sascha! Ich freue mich mit Dir zu sprechen. Ich bin Tierheilpraktikerin, dipl. Kräuterfachfrau für Mensch und Tier und Katzenverhaltenstherapeutin. Mein Leben lang habe ich mit Tieren zu tun gehabt und durfte mein Leben mit vielen Haustieren teilen.

Meine Leidenschaft gilt und galt immer den Tieren und der Natur, weswegen ich dann irgendwann meine Leidenschaft zum Beruf machte und Tierheilpraktik etc. studierte. Auslöser war eigentlich, als sich meine Katze den Schwanz verstaucht hatte und ich beim Tierarzt eine horrende Rechnung für einen Verband, eine Spritze und eine Salbe bekam. Da hab ich mir dann gedacht – das kann ich auch! 😮

Sascha S.: Auslöser für dieses Interview war ja letztendlich ein Beitrag auf Facebook zum Thema „Ernährung durch Trockenfutter“. Du hattest dich in dieser Diskussion ja mehrfach kritisch über die Verbindungen zwischen der Tierfutterindustrie und zahlreichen niedergelassenen Tierärzten geäussert.

Was kannst du unseren Lesern über diese Verbindungen sagen? Welche Methoden wenden die bekannten Tierfuttermarken an damit die jeweiligen Produkte vom Tierarzt empfohlen werden?

Nadine L.: Ja, das ist richtig. Leider spricht kaum ein Tierarzt über dieses Thema, aber ein paar haben mit mir darüber gesprochen und mir unglaubliches berichtet: Das Problem ist, dass im Studium der Veterinärmedizin kein Wert auf Ernährung der Tiere gelegt wird und die Studenten somit auch nicht darin geschult werden.

Dies übernimmt dann im Nachhinein die Tierfutterindustrie mit Fachfortbildungen für Tierärzte – und klar, wer mich schult (und das meist sogar kostenlos), kann ja nicht so schlecht sein. Teilweise fängt aber der Kontakt zu den verschiedenen Tierfutterfirmen schon während des Studiums an, denn hier treten sie an die Studenten heran, um ihnen hilfreiche Angebote zu machen.

Zum Beispiel wird unter der Voraussetzung der späteren Bewerbung und des Verkaufs des Futters, bei der Gründung der Praxis finanziell unter die Arme gegriffen und das nicht zu knapp oder es werden die Jahresmieten der Praxisräume über einen bestimmten Zeitraum bezahlt.

Auch werden medizinische Studien oder Kliniken gesponsert oder teure Geräte angeschafft – alles, damit das Futter vom Veterinärmediziner verbreitet und empfohlen wird. Natürlich macht dies Eindruck auf die Tierhalter und damit das „Paket“ noch stimmt, sind die Futtermittel für die „Qualität“, die sie haben, völlig überteuert und erscheinen so inkl. der Empfehlung des Tierarztes als qualitativ hochwertig.

Sascha S.: Was meinst du genau wenn du sagst: Für die „Qualität“ sind Futtermittel in den Tierarztpraxen völlig überteuert? Bedeutet das für den Hundehalter, dass er in Wahrheit ein von der Zusammensetzung minderwertiges Futter zu überhöhten Preisen vom Tierarzt empfohlen bekommt?

Wie verhält es sich mit den ganzen Spezialfuttersorten wie z.B. Diät-Futter oder Futtermittel, die laut Angabe der Hersteller für eine bestimmte Hunderasse entwickelt worden sind?

Nadine L.: Ja, das heißt es! Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, aber in der Regel sind die üblichen Tierfuttersorten, die Tierärzte empfehlen völlig überteuert und qualitativ absolut minderwertig mit schlechten Ursprungsprodukten. Das Problem in Deutschland ist, dass man auf Futtermittelverpackungen nicht alles genau deklarieren muss und das machen sich die Firmen zu nutze.

Wenn ein Tier krank ist, dann haben Diät-Futtermittel ihren Nutzen, aber eben nicht von diesen üblichen Firmen, die die Tierärzte empfehlen. Da gibt es wesentlich bessere Alternativen. Wenn Du mich nach Futtermittel für bestimmte Rassen fragst – naja, das ist ein zweischneidiges Schwert.

Geht man von der Ethologie der Tiere aus, dann gibt es z. B. auch keine Mäuse für große oder kleine Katzenrassen, also ist da auch Futtermittel für verschiedene Rassen schlichtweg Blödsinn!

Bei Hunden würde ich vielleicht noch sagen, dass bei größeren Hunden die Futterkonsistenz auch gröber sein sollte, damit sie nicht einfach alles hinunterschlucken ohne zu kauen, aber das ist mit den rassespezifischen Futtermitteln der Industrie ja leider nicht gemeint, sondern sie packen einfach mehr oder weniger Energie (kcal/kJ) in die verschiedenen Futtersorten, was völlig überflüssig ist.

Oder irgendwelche Zusätze, wo eigentlich keiner weiß, was es genau ist und welchen Nutzen oder Nebenwirkungen dies hat. Ein Wolf würde einfach zwei Kaninchen fressen, wenn er besonders groß ist und noch Hunger hat – ohne Zusätze.

Sascha S.: Du sprichst im Bezug auf das Hundefutter immer wieder von „Zusätzen“. Was muss ich mir genau darunter vorstellen und warum packt die Industrie diese Zusätze ins Futter?

Nadine L.: Was dem Futter zugesetzt wird, ist zum Beispiel Zucker – meist sogar jede Menge. Dies dient, um die Tiere sozusagen „süchtig“ nach diesem Futter zu machen. Dazu kommen Geschmacksverstärker, denn ohne diese würde kein Hund das Futter auch nur anrühren.

Weiter wird Getreide hinzugefügt und meist steht dies an erster Stelle in der Zutatenliste. Getreide ist zwar in geringen Mengen völlig in Ordnung, aber in dieser hohen Konzentration nur ein billiger Füllstoff. Außerdem steht auf Verpackungen auch gern „tierische Nebenprodukte“ oder „pflanzliche Nebenprodukte“ – und was jetzt genau? Das verschweigen sie mit Recht, denn wenn sie Schlachtabfälle oder Klärschlamm oder verschimmeltes Gemüse draufschreiben würden, würde dies keiner mehr kaufen.

Dafür brauchen sie dann unter anderem auch die Geschmacksverstärker, Farb- und Aromastoffe, damit das Tier dies nicht riecht und trotzdem frisst. Mittlerweile wird es zum Trend dubiose Kräutermischungen in das tägliche Futter einzuarbeiten. Als ausgebildete dipl. Kräuterfachfrau ist mir dies ein Greuel, denn niemand weiß genau, was das tägliche füttern mit diesen Kräuter mit unserem Tier macht.

Diese Kräutermischungen sollen das Tierfutter besonders hochwertig und natürlich erscheinen lassen, aber vorsicht! Das falsche Kraut im regelmäßigen Futter und es kann sein, dass die Wirkung des Medikaments verfälscht oder herabgesetzt wird. Kräuter sollten nur als Ergänzung einer Therapie oder zur Vorbeugung über einen kurzen Zeitraum gegeben werden und hier auch nur unter der Anleitung eines Fachmannes/-frau.

Sascha S.: Vielen Dank für die wirklich nützlichen Informationen zum Thema Ernährung. Ich danke dir, dass du uns für dieses Interview zur Verfügung gestanden hast. Sofern unsere Leser daran Interesse haben, können wir in Zukunft auch gern noch einmal das Thema „Kräuter für den Hund“ etwas ausführlicher beleuchten.

Allen Lesern, die sich etwas eingehender mit diesem Thema beschäftigen möchten, empfehle ich wirklich mal einen Blick in das Buch „Hunde würden länger leben, wenn…“ zu werfen. Dieses Enthüllungsbuch zeigt die Missstände in unseren Tierarztpraxen und deckt die Verflechtungen zwischen Tierarzt- Geschäft und der Futtermittelindustrie tatsächlich gnadenlos auf.

Die Tierärztin Jutta Ziegler informiert anhand von praktischen Fallbeispielen, wie unsere Hunde eben nicht behandelt und ernährt werden sollten. Der verantwortungsbewusste Tierbesitzer erhält in diesem Buch Tipps und Ratschläge, wie er sein Tier und sich selbst vor korrupten und gewissenlosen Tierärzten schützen kann, die die Gesundheit der ihnen anvertrauten Tiere zugunsten ihrer eigenen Brieftasche aufs Spiel setzen.

Dieses Buch sollte für jeden Tierhalter, dem das Wohl seines Tieres am Herzen liegt, Pflichtlektüre sein!

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Über den Autor

Sascha Schoppengerd gehört zu den zwei Gründern von GiftköderRadar und er kümmert sich bei uns um das Marketing und die Weiterentwicklung der Apps. Bei Fragen erreicht Ihr Sascha auf Twitter, Facebook, Xing und Google+.

3 Reaktionen

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Sehr geehrter Herr Schoppengerd,
ich habe mich als Tierärztin bereits ein wenig daran gewöhnt, von Tierheilpraktikern als Verbrecher und Abzocker gesehen und verunglimpft zu werden. Von den ungleich langen Ausbildungszeiten von Tierärzten (5,5 Jahre mit Vorlesungen, praktischen Pflichtseminaren, Pflichtpraktika, 5 große Prüfungen) und Heilpraktikern (z.B. Fernlehrgang über 20 Mon. mit 9 Std./Woche + Abschlussprüfung) abgesehen, gibt es sicherlich in beiden Berufszweigen fähigere und weniger fähige Kandidaten mit unterschiedlichen Interessenschwerpunkten.
Trotzdem ärgere ich mich immer wieder, wenn Lügen unkritisch verbreitet werden: Frau Leiendecker beginnt mit der „horrenden Rechnung“ „für einen Verband, eine Spritze und eine Salbe“. Die Diagnose „Verstauchung des Schwanzes“ gab es vermutlich geschenkt – wie auch die nötige Untersuchung dafür sowie die Beratung, wie weiter vorgegangen werden sollte.
Doch nun zum eigentlichen Thema, so schreibt Frau Leiendecker: „Das Problem ist, dass im Studium der Veterinärmedizin kein Wert auf Ernährung der Tiere gelegt wird und die Studenten somit auch nicht darin geschult werden.“ Das stimmt nicht. Wir haben 2 Semester Vorlesung im Fach Tierernährung plus Pflichtseminare, in denen Futterqualität und Zusammensetzung praktisch vermittelt werden. Außerdem gibt es eine eigene Prüfung im Staatsexamen, deren Nichtbestehen den Beruf des Tierarztes verhindert.
Natürlich verdienen wir in der Praxis auch durch den Verkauf von Futter. Aber wir sind keine Futterhändler, die kritiklos jeden Mist verkaufen. Frolic, Cäsar, Felix & Co. gibt es beim Tierarzt nicht. Ich führe beispielsweise nur diätätische Futtermittel für die Behandlung von bestimmten Krankheiten und keine „normalen“ Futtermittel. Zu wenig? Mir hat zumindest noch keine Futterfirma die Miete oder irgendwelche Fortbildungen bezahlt. Frau L. verteufelt wohl etwas zu allgemein.
Und zu den rassespezifischen Diäten: Natürlich kann man auch übertreiben. Aber leider sind durch Züchtungen die Hunde keine Wölfe mehr. Nur als Beispiel: Wir haben die Schäferhunde mit ihrer HD-Neigung oder gedrungene Kleinhunde mit krummen Beinen. Da kann ich nichts verwerfliches daran finden, wenn Muschelextrakte zum Gelenkaufbau dem Futter beigefügt sind und der Hundehalter kein extra Pulver füttern muss – und es ständig vergisst. Da nützt ein zweites Kaninchen nämlich gar nichts.
Mit freundlichen Grüßen,
Sonja Wrieske

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@Sonja Wrieske

Vielen Dank für Ihre Reaktion und die zusätzlichen Informationen. Würden Sie uns vielleicht sogar auch für ein Interview zur Verfügung stehen? Dann könnten wir unseren Lesern vielleicht noch einen Blick aus einer anderen Perspektive bieten.

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  • von Sonja Wrieske
  • 06. August, 2013

Prinzipiell schon, aber nicht mehr in diesem Jahr. Meine fortgeschrittene Schwangerschaft zwingt mich zur Ruhe, auch wenn es nicht immer klappt.
Viele Grüße

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